Seit mehr als einem Monat ler­nen Schü­le­rin­nen und Schü­ler auch in August­dorf zu Hau­se. An der Real­schu­le wur­de unter ande­rem eine digi­ta­le Lern­platt­form ein­ge­rich­tet. Aktu­el­le Stu­di­en zei­gen jedoch, dass mit die­ser Situa­ti­on nicht alle gut zurecht­kom­men. Die Coro­na-Kri­se macht das Leh­ren und Ler­nen mit digi­ta­len Medi­en not­wen­dig und Eltern zu ers­ten Ansprech­per­so­nen, wenn Schü­ler Hil­fe brauchen.

Im Inter­view mit den AUGUSTDORFER NACHRICHTEN erklärt die Pro­jekt­lei­te­rin Prof. Dr. Hei­ke M. Buhl, Pro­fes­so­rin für Päd­ago­gi­sche Psy­cho­lo­gie und Ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gie unter Berück­sich­ti­gung der Geschlech­ter­for­schung an der Uni­ver­si­tät Pader­born, wo Schwie­rig­kei­ten beim häus­li­chen Ler­nen mit digi­ta­len Medi­en lie­gen, was Eltern und Leh­rer dabei beach­ten soll­ten und war­um durch die aktu­el­le Kri­se Schwä­chen beson­ders stark hervortreten.

 

Frau Buhl, wie sah die Lern­si­tua­ti­on mit digi­ta­len Medi­en in den Fami­li­en vor der Coro­na-Kri­se aus?

Buhl: In unse­rem Pro­jekt haben wir dazu über 700 Kin­der der fünf­ten und sechs­ten Klas­se und deren Eltern befragt. Auch, wenn sich auf­grund der Coro­na-Pan­de­mie Unter­su­chun­gen teil­wei­se ver­schie­ben, konn­ten wir bereits in eini­gen Fami­li­en den All­tag und die Recher­che­fä­hig­kei­ten der Kin­der beob­ach­ten und Gesprä­che mit Eltern und Kin­dern füh­ren. Unse­re bis­he­ri­gen Ergeb­nis­se zei­gen ein ambi­va­len­tes Bild: In der Unter­su­chungs­re­gi­on Ost­west­fa­len-Lip­pe besit­zen rund 80 Pro­zent der Fami­li­en einen Com­pu­ter, der in der gesam­ten Fami­lie genutzt wird. Da in 98 Pro­zent der Fami­li­en ein Inter­net­zu­gang vor­han­den ist, ver­fü­gen also fast alle über die tech­ni­sche Aus­stat­tung, um mit digi­ta­len Medi­en zu ler­nen oder Infor­ma­tio­nen und Mate­ri­al von der Schu­le über E‑Mails oder Mes­sen­ger-Diens­te wie Whats­App zu emp­fan­gen oder sich über Lern­platt­for­men aus­zu­tau­schen. Doch nur ca. ein Drit­tel der Fünft­kläss­ler gab an, das Inter­net unein­ge­schränkt für schu­li­sche Auf­ga­ben nut­zen zu kön­nen. Zwar haben 85 Pro­zent der Fünft­kläss­ler ein Smart­pho­ne, jedoch besitzt nur ein Vier­tel von ihnen selbst einen Com­pu­ter. Das liegt oft an der zwie­späl­ti­gen Ein­stel­lung der Eltern: Auf der einen Sei­te beto­nen sie die Gefah­ren digi­ta­ler Medi­en, auf der ande­ren Sei­te emp­fin­den sie die­se für das schu­li­sche Ler­nen als sehr wichtig.

Wir haben neben der Aus­stat­tung der Fami­li­en mit digi­ta­len Medi­en auch unter­sucht, wie Kin­der die­se ins­be­son­de­re bil­dungs­be­zo­gen, z. B. bei Haus­auf­ga­ben, nut­zen. Dabei haben wir fest­ge­stellt, dass es ihnen in ers­ter Linie nicht dar­um geht, Inter­es­sen­ge­bie­te zu erkun­den und/oder ver­tie­fen­de Infor­ma­tio­nen zu beschaf­fen. Ziel ist viel­mehr die „Opti­mie­rung“ des Arbeits­pro­zes­ses oder des Lern­er­geb­nis­ses, indem Schü­ler z. B. erar­bei­te­te Ergeb­nis­se abglei­chen oder Hil­fen wie Online-Wör­ter­bü­cher nut­zen, die die elter­li­che Unter­stüt­zung stel­len­wei­se erset­zen. Den Kin­dern geht es auch dar­um, die elter­li­chen Anlei­tun­gen online zu über­prü­fen, etwa um Mathe­ma­tik- oder Gram­ma­tik­re­geln nach­zu­voll­zie­hen oder um Sprach­bar­rie­ren bei Eltern mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund zu kompensieren.

Es wäre aller­dings wich­tig, dass Fami­li­en das Inter­net auch als Recher­che­me­di­um in Lern­set­tings zu Hau­se inte­grie­ren. Wenn Eltern im All­tag gemein­sam mit den Kin­dern ihre Inter­es­sen­ge­bie­te online erfor­schen, führt das auf Sei­ten der Kin­der dazu, dass sie das Inter­net häu­fi­ger für anspruchs­vol­le schu­li­sche Belan­ge nut­zen und ein grö­ße­res Selbst­be­wusst­sein ent­wi­ckeln, um Pro­ble­me bei Inter­net­re­cher­chen zu meis­tern. Es bleibt abzu­war­ten, ob sich das auf­grund der Coro­na-Kri­se ändern wird.

 

Wel­che Tipps kön­nen Sie Eltern auf Basis ihrer bis­he­ri­gen Ergeb­nis­se für die der­zei­ti­ge Situa­ti­on und das Home-Lear­ning geben?

 

Buhl: Wenn Eltern nun mit der Auf­ga­be kon­fron­tiert sind, ihre Kin­der beim Ler­nen zu Hau­se zu unter­stüt­zen – sei es nun mit digi­ta­len Medi­en wie Ler­nApps oder You­Tube, oder mit klas­si­schen Medi­en wie Auf­ga­ben­zet­tel und Schul­buch – braucht es für ein erfolg­rei­ches Ler­nen zunächst ein­mal Struk­tur. Hier kön­nen Eltern ihre Kin­der unter­stüt­zen, indem sie mit ihnen fes­te Lern­zei­ten abspre­chen. Wich­tig ist dabei ein Mit­spra­che- und Ent­schei­dungs­recht der Kin­der, auch in Bezug auf die Medi­en­nut­zung. Je mehr Kin­der in die Gestal­tung des Ler­nens zu Hau­se ein­be­zo­gen sind, umso moti­vier­ter ler­nen sie.

Eltern sind zu Hau­se aller­dings nicht nur bei tech­ni­schen Schwie­rig­kei­ten mit den digi­ta­len Medi­en ers­te Ansprech­per­so­nen, son­dern auch bei Pro­ble­men inhalt­li­cher Natur, für die sonst die Lehr­kraft unmit­tel­bar im Klas­sen­raum bereit­stand. Beim häus­li­chen Ler­nen ist des­halb beson­ders emo­tio­na­le Unter­stüt­zung gefragt, denn klei­ne Pro­ble­me kön­nen auf­grund der engen Bezie­hung zwi­schen Eltern und Kin­dern schnell zu gro­ßen Aus­ein­an­der­set­zun­gen wer­den. Emo­tio­na­le Unter­stüt­zung bedeu­tet auf Sei­ten der Eltern vor allem, den Kin­dern gedul­dig zuzu­hö­ren und sie zu moti­vie­ren. Anstatt das Ler­nen zu Hau­se stän­dig zu kon­trol­lie­ren, soll­ten Eltern eher kla­re Rege­lun­gen und Struk­tu­ren schaf­fen. Dann hat das indi­vi­dua­li­sier­te Ler­nen durch­aus auch Vorteile.

 

Was kön­nen Lehr­kräf­te tun, um Eltern bei der Unter­stüt­zung ihrer Kin­der zu entlasten?

Buhl: Damit Fami­li­en zu Hau­se das rich­ti­ge Gleich­ge­wicht von Struk­tur und Auto­no­mie fin­den kön­nen, ist es wich­tig, dass die Lehr­kräf­te die Auf­ga­ben über­schau­bar und plan­bar in die Fami­li­en geben. Je nach Alter des Kin­des kön­nen dies täg­li­che Auf­ga­ben, Wochen­plä­ne oder Auf­ga­ben mit noch höhe­rem Anspruch an die Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on über län­ge­re Zeit­räu­me sein. Auch soll­ten Lehr­kräf­te durch regel­mä­ßi­ges Feed­back die Eltern ent­las­ten und die Schü­le­rin­nen und Schü­ler motivieren.

Zudem ist es wich­tig, das Arbeits­ma­te­ri­al gut vor­struk­tu­riert in die Fami­li­en zu geben, sodass es in den Fami­li­en­all­tag inte­griert wer­den kann. So kön­nen Eltern Lern­in­hal­te bes­ser nach­voll­zie­hen und die Kin­der bes­ser unter­stüt­zen. Gera­de, wenn der Fami­lie nur ein End­ge­rät zur Ver­fü­gung steht und Geschwis­ter sich den Zugang tei­len müs­sen, ist es wich­tig, gut pla­nen zu können.

 

Ver­än­dert die Coro­na-Kri­se das Ler­nen mit digi­ta­len Medi­en zu Hau­se und in der Schule?

Buhl: Wir konn­ten in unse­rem Pro­jekt bereits fest­stel­len, dass Kin­der viel­fach über eine umfang­rei­che Bedien­kom­pe­tenz ver­fü­gen, die als Res­sour­ce für das schu­li­sche Ler­nen genutzt wer­den soll­te. So etwa, wenn Erklär­vi­de­os gesucht wer­den oder wenn Haus­auf­ga­ben im Klas­sen­chat bespro­chen wer­den. Digi­ta­les Ler­nen muss den­noch ein grö­ße­rer Bestand­teil des häus­li­chen Ler­nens wer­den. Nur wenn ent­spre­chen­de Mög­lich­kei­ten bestehen, kön­nen Kin­der aus­rei­chend Kom­pe­ten­zen im Umgang mit digi­ta­len Medi­en ent­wi­ckeln. Die aktu­el­le Kri­se zeigt, wie rele­vant das ist.

Da Home-Schoo­ling nun bereits seit meh­re­ren Wochen All­tag ist und die Schu­len nur lang­sam wie­der öff­nen, haben wir unse­re For­schungs­ar­beit aus­ge­baut und unse­ren Fra­gen­ka­ta­log erwei­tert. Ob z. B. die Nut­zung digi­ta­ler Medi­en nun im Home-Lear­ning anders ist, unter­su­chen aus unse­rem Team Prof. Dr. Doro­thee Meis­ter und Prof. Dr. Anna-Maria Kamin, indem sie Lern­ta­ge­bü­cher für die Schü­le­rin­nen und Schü­ler in die Fami­li­en geben. In die­sen beschrei­ben die Kin­der und Jugend­li­chen detail­liert, wie das Ler­nen zu Hau­se statt­ge­fun­den hat. Das umfasst die Bear­bei­tung der Auf­ga­ben sowie genutz­te Hilfs­mit­tel und Medi­en, aber auch Pro­ble­me sowie Hil­fe­stel­lung, die sie in Anspruch genom­men haben.

Außer­dem wol­len wir Eltern befra­gen, wie die Fami­li­en mit der Bewäl­ti­gung des Home­schoo­lings zurecht­kom­men und wel­che Bedeu­tung digi­ta­le Medi­en bei den schu­li­schen Auf­ga­ben haben. Auch die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Eltern und der Schu­le sowie zwi­schen Kind und Lehr­kräf­ten in die­ser beson­de­ren Zeit wird ein For­schungs­aspekt sein. Zusätz­lich wol­len wir die Lehr­kräf­te nach ihren Erfah­run­gen mit der neu­en Lern­si­tua­ti­on befragen.

Von Redaktion

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