„Krisenzeiten sind immer ein Betätigungsfeld für Untergangsprediger.”

Im Gespräch mit dem Öffentlichkeitsbeauftragten der Neuapostolischen Kirche, Bischof Peter Johanning, über Corona, Streaming Gottesdienste und Besucherzahlen.

Die Neu­apos­to­li­sche Kir­che (NAK) ist die dritt­größ­te Glau­bens­ge­mein­schaft in Deutsch­land; sie ist welt­weit tätig. Der Kir­chen­be­zirk Det­mold zählt knapp 2000 Mit­glie­der in sie­ben Gemein­den. Wie ist die Kir­che mit der Coro­na­kri­se umge­gan­gen? Sieht sie die Pan­de­mie als Stra­fe Got­tes, und war­um star­ten die Got­tes­diens­te erst im Juni? Ein Gespräch mit Peter Johan­ning, der in der Kir­che als Bischof und als Öffent­lich­keits­be­auf­trag­ter tätig ist.

AN: Herr Johan­ning, sieht die NAK Coro­na als eine Stra­fe Got­tes?

Peter Johan­ning: Ein ein­deu­ti­ges Nein, jeden­falls von der Neu­apos­to­li­schen Kir­che. Kri­sen­zei­ten sind auch immer ein Betä­ti­gungs­feld für Unter­gangs­pre­di­ger. Vie­le Men­schen suchen ein­fa­che Ant­wor­ten auf boh­ren­de Fra­gen. Wenn dann jemand kommt und gibt ihnen eine ein­fa­che Ant­wort, dann neh­men sie das häu­fig ger­ne auf. Wir sagen ganz ein­deu­tig: „Gott ist ein Gott der Lie­be und nicht der Stra­fe. Gott ist ein Gott der Gna­de und nicht des Todes.“

AN: In der Bibel wer­den auch Sze­na­ri­en der End­zeit beschrie­ben, auch wenn Coro­na als Wort nicht vor­kommt, war­um zählt Ihre Kir­che die­se Pan­de­mie nicht dazu?

Johan­ning: Weil wir kei­ne Bibli­zis­ten sind. Wenn wir sol­che wären, müss­ten wir alles, was in der Bibel steht, eins zu eins in unse­re Zeit über­set­zen. Das wür­de aber völ­lig den his­to­ri­schen Zusam­men­hang ver­ken­nen. Die Hei­li­ge Schrift ist kein Geschichts­buch, aus der man etwas ablei­ten kann. Es gibt Hin­weis und Bei­spie­le. Für uns Neu­apos­to­li­sche ist zum Bei­spiel das Buch der Offen­ba­rung ein Buch des Tros­tes und der Mah­nung.

AN: War­um der Mah­nung?

Johan­ning: Ein Buch der Mah­nung, damit man sich mit sei­nem Glau­ben und mit sei­ner himm­li­schen Hei­mat beschäf­ti­gen soll.

AN: Wie hat sich das Ver­ständ­nis der Neu­apos­to­li­schen Kir­che in den letz­ten Jah­ren gewan­delt, immer­hin haben Sie doch frü­her die Bibel eher wort­wört­lich aus­ge­legt?

Johan­ning: So rich­ti­ge Bibli­zis­ten sind wir nie gewe­sen. Aber es stimmt, es gab erns­te­re Zei­ten in unse­rer Kir­che.. Heu­te sind die Zei­ten eher von wis­sen­schaft­li­cher Exper­ti­se durch­drun­gen. Die Hei­li­ge Schrift muss mir etwas für mei­nen eige­nen Glau­ben brin­gen, unter­stützt durch das ratio­na­le Den­ken.

AN: Was mei­nen Sie damit?
Johan­ning: Ich bin davon über­zeugt, dass Gott uns den Ver­stand und die Ver­nunft mit­ge­ge­ben hat, damit wir bei­des ein­set­zen. Und war­um soll­te das bei der Lek­tü­re der Hei­li­gen Schrift anders sein?

AN: Die NAK hat in der Kri­se früh­zei­tig damit ange­fan­gen, Video­got­tes­diens­te zum Bei­spiel via You­tube anzu­bie­ten, wie sind die ange­kom­men?

Johan­ning: In gro­ßer Mehr­heit gut. Wir sind welt­weit betrach­tet, füh­rend bei den Satel­li­ten­über­tra­gun­gen. In man­chen Gegen­den hat es zum Bei­spiel Strea­ming­an­ge­bo­te schon seit Jahr­zehn­ten gege­ben. Wir schät­zen ganz vor­sich­tig mit sechs Mil­lio­nen Zuschau­ern, die den Oster­got­tes­dienst mit­er­lebt haben.

AN: Wie kommt die­se hohe Zahl zustan­de?

Johan­ning: Wir haben zum Bei­spiel in Süd­afri­ka einen Fern­seh- und einen Rund­funk­ka­nal, durch zusätz­li­che Koope­ra­ti­ons­ver­trä­ge wur­de dort der Got­tes­dienst im gan­zen Land aus­ge­strahlt.

AN: Gibt es Unter­schie­de, wie die Gemein­de­mit­glie­der in Süd­afri­ka und in Deutsch­land das Ange­bot auf­neh­men?

Johan­ning: In jedem Fall. Wäh­rend dort die­se Online-Ange­bo­te zum All­tag gehö­ren, ist es für die Glau­bens­ge­schwis­ter hier in Deutsch­land eher unge­wohnt, weil hier die Prä­senz­got­tes­dienst alter­na­tiv­los ersetzt wer­den muss­ten.

AN: Gibt es denn im Augen­blick Län­der, in denen kein Got­tes­dienst statt­fin­det?

Johan­ning: In nahe­zu kei­nem Land fin­den momen­tan Got­tes­diens­te statt. In man­chen kon­go­le­si­schen Gemein­den fin­den Got­tes­diens­te in abge­speck­ter Form statt, auch in Asi­en. Das sind aber eher Aus­nah­men.

AN: Sol­len die Strea­ming­an­ga­bo­te in Zukunft bei­be­hal­ten wer­den?

Johan­ning: Ich ent­schei­de das nicht, habe es aber vor­ge­schla­gen. Dazu muss ich auch ganz klar sagen, dass die­se Video­got­tes­diens­te kein Ersatz für den rea­len Besuch dar­stel­len.

AN: War­um?

Johan­ning: Zum einen, weil nicht das Abend­mahl gemein­sam gefei­ert wer­den kann. Kir­che ist erst ein­mal Orts­kir­che. Wir wol­len die Kir­che wort­wört­lich im Dorf las­sen. Die Video­got­tes­dienst kön­nen ein zusätz­li­ches nie­der­schwel­li­ges Ange­bot sein.

AN: Hat­ten Sie in der gan­zen Zeit mit ande­ren Kir­chen Kon­takt, wie man ver­fah­ren soll­te?

Johan­ning: Wir haben uns tat­säch­lich abge­stimmt, da wir auch Mit­glied der Arbeits­ge­mein­schaft Christ­li­cher Kir­chen (ACK) in Deutsch­land sind. Wir haben oft mit­ein­an­der gespro­chen und haben auch bei der Bun­des-und Lan­des­re­gie­rung Stel­lung­nah­men abge­ge­ben.

AN: Hier in August­dorf haben die ande­ren Kir­chen bereits die Türen wie­der geöff­net. War­um war­tet die Neu­apos­to­li­sche Kir­che noch bis Mit­te Juni, bis die Got­tes­diens­te wie­der anfan­gen?

Johan­ning: Wir als NAK sagen uns, dass wir dar­auf ver­trau­en, dass die Richt­li­ni­en, die der Gesetz­ge­ber uns gibt, Gül­tig­keit hat. Wir las­sen uns das Tem­po aber nicht vor­schrei­ben. Wir kön­nen nicht frü­her, aber wir kön­nen ohne wei­te­res spä­ter. Der Start­punkt ist nicht für alle ver­bind­lich. Wir wol­len uns da bewusst in kei­ne Stress­si­tua­ti­on hin­ein­be­ge­ben, son­dern die Got­tes­diens­te mit Bedacht wie­der begin­nen las­sen. Wir ste­hen nicht auf der Brem­se, müs­sen aber auch kein Gas geben.

AN: Was glau­ben Sie, wie wird sich die Besu­cher­zahl nach der Coro­na­zeit ent­wi­ckeln?

Johan­ning (lacht): Nun gut, ich bin Bischof und kein Pro­phet. Vom Bauch­ge­fühl her wür­de ich sagen, dass die Men­schen Sehn­sucht nach dem Wort Got­tes haben. Die brau­chen Gebor­gen­heit und ihre Gemein­de als Nest. Dar­um kann ich mir vor­stel­len, dass sich der Got­tes­dienst­be­such wie­der auf das übli­che Maß ein­pen­deln wird, wie wir es vor März hat­ten.

AN: Herr Johan­ning, herz­li­chen Dank für das Gespräch.

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Die Neuapostolische Kirche (NAK) ist die drittgrößte Glaubensgemeinschaft in Deutschland; sie ist weltweit tätig. Der Kirchenbezirk Detmold zählt knapp 2000 Mitglieder in sieben Gemeinden. Wie ist die Kirche mit der Coronakrise umgegangen? Sieht sie die Pandemie als Strafe Gottes, und warum starten die Gottesdienste erst im Juni? Ein Gespräch mit Peter Johanning, der in der Kirche als Bischof und als Öffentlichkeitsbeauftragter tätig ist. AN: Herr Johanning, sieht die NAK Corona als eine Strafe Gottes? Peter Johanning: Ein eindeutiges Nein, jedenfalls von der Neuapostolischen Kirche. Krisenzeiten sind auch immer ein Betätigungsfeld für Untergangsprediger. Viele Menschen suchen einfache Antworten auf bohrende Fragen. Wenn dann jemand kommt und gibt ihnen eine einfache Antwort, dann nehmen sie das häufig gerne auf. Wir sagen ganz eindeutig: „Gott ist ein Gott der Liebe und nicht der Strafe. Gott ist ein Gott der Gnade und nicht des Todes.“ AN: In der Bibel werden auch Szenarien der Endzeit beschrieben, auch wenn Corona als Wort nicht vorkommt, warum zählt Ihre Kirche diese Pandemie nicht dazu? Johanning: Weil wir keine Biblizisten sind. Wenn wir solche wären, müssten wir alles, was in der Bibel steht, eins zu eins in unsere Zeit übersetzen. Das würde aber völlig den historischen Zusammenhang verkennen. Die Heilige Schrift ist kein Geschichtsbuch, aus der man etwas ableiten kann. Es gibt Hinweis und Beispiele. Für uns Neuapostolische ist zum Beispiel das Buch der Offenbarung ein Buch des Trostes und der Mahnung. AN: Warum der Mahnung? Johanning: Ein Buch der Mahnung, damit man sich mit seinem Glauben und mit seiner himmlischen Heimat beschäftigen soll. AN: Wie hat sich das Verständnis der Neuapostolischen Kirche in den letzten Jahren gewandelt, immerhin haben Sie doch früher die Bibel eher wortwörtlich ausgelegt? Johanning: So richtige Biblizisten sind wir nie gewesen. Aber es stimmt, es gab ernstere Zeiten in unserer Kirche.. Heute sind die Zeiten eher von wissenschaftlicher Expertise durchdrungen. Die Heilige Schrift muss mir etwas für meinen eigenen Glauben bringen, unterstützt durch das rationale Denken. AN: Was meinen Sie damit? Johanning: Ich bin davon überzeugt, dass Gott uns den Verstand und die Vernunft mitgegeben hat, damit wir beides einsetzen. Und warum sollte das bei der Lektüre der Heiligen Schrift anders sein? AN: Die NAK hat in der Krise frühzeitig damit angefangen, Videogottesdienste zum Beispiel via Youtube anzubieten, wie sind die angekommen? Johanning: In großer Mehrheit gut. Wir sind weltweit betrachtet, führend bei den Satellitenübertragungen. In manchen Gegenden hat es zum Beispiel Streamingangebote schon seit Jahrzehnten gegeben. Wir schätzen ganz vorsichtig mit sechs Millionen Zuschauern, die den Ostergottesdienst miterlebt haben. AN: Wie kommt diese hohe Zahl zustande? Johanning: Wir haben zum Beispiel in Südafrika einen Fernseh- und einen Rundfunkkanal, durch zusätzliche Kooperationsverträge wurde dort der Gottesdienst im ganzen Land ausgestrahlt. AN: Gibt es Unterschiede, wie die Gemeindemitglieder in Südafrika und in Deutschland das Angebot aufnehmen? Johanning: In jedem Fall. Während dort diese Online-Angebote zum Alltag gehören, ist es für die Glaubensgeschwister hier in Deutschland eher ungewohnt, weil hier die Präsenzgottesdienst alternativlos ersetzt werden mussten. AN: Gibt es denn im Augenblick Länder, in denen kein Gottesdienst stattfindet? Johanning: In nahezu keinem Land finden momentan Gottesdienste statt. In manchen kongolesischen Gemeinden finden Gottesdienste in abgespeckter Form statt, auch in Asien. Das sind aber eher Ausnahmen. AN: Sollen die Streamingangabote in Zukunft beibehalten werden? Johanning: Ich entscheide das nicht, habe es aber vorgeschlagen. Dazu muss ich auch ganz klar sagen, dass diese Videogottesdienste kein Ersatz für den realen Besuch darstellen. AN: Warum? Johanning: Zum einen, weil nicht das Abendmahl gemeinsam gefeiert werden kann. Kirche ist erst einmal Ortskirche. Wir wollen die Kirche wortwörtlich im Dorf lassen. Die Videogottesdienst können ein zusätzliches niederschwelliges Angebot sein. AN: Hatten Sie in der ganzen Zeit mit anderen Kirchen Kontakt, wie man verfahren sollte? Johanning: Wir haben uns tatsächlich abgestimmt, da wir auch Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) in Deutschland sind. Wir haben oft miteinander gesprochen und haben auch bei der Bundes-und Landesregierung Stellungnahmen abgegeben. AN: Hier in Augustdorf haben die anderen Kirchen bereits die Türen wieder geöffnet. Warum wartet die Neuapostolische Kirche noch bis Mitte Juni, bis die Gottesdienste wieder anfangen? Johanning: Wir als NAK sagen uns, dass wir darauf vertrauen, dass die Richtlinien, die der Gesetzgeber uns gibt, Gültigkeit hat. Wir lassen uns das Tempo aber nicht vorschreiben. Wir können nicht früher, aber wir können ohne weiteres später. Der Startpunkt ist nicht für alle verbindlich. Wir wollen uns da bewusst in keine Stresssituation hineinbegeben, sondern die Gottesdienste mit Bedacht wieder beginnen lassen. Wir stehen nicht auf der Bremse, müssen aber auch kein Gas geben. AN: Was glauben Sie, wie wird sich die Besucherzahl nach der Coronazeit entwickeln? Johanning (lacht): Nun gut, ich bin Bischof und kein Prophet. Vom Bauchgefühl her würde ich sagen, dass die Menschen Sehnsucht nach dem Wort Gottes haben. Die brauchen Geborgenheit und ihre Gemeinde als Nest. Darum kann ich mir vorstellen, dass sich der Gottesdienstbesuch wieder auf das übliche Maß einpendeln wird, wie wir es vor März hatten. AN: Herr Johanning, herzlichen Dank für das Gespräch.

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