Corona: Seniorenzentrum legt Fokus auf individuelle Betreuung

„Im Febru­ar war die Welt noch in Ord­nung, einen Monat spä­ter stand sie Kopf“, erin­nert sich Han­na Gos­tom­ski an die Anfän­ge der Coro­na-Pan­de­mie zurück. Hin­ter der Lei­te­rin des Senio­ren­zen­trums August­dorf lie­gen eini­ge ner­ven­auf­rei­ben­de Mona­te vol­ler Ver­än­de­run­gen und Ein­schrän­kun­gen, Ängs­te und Hoff­nun­gen. „Wir sind bis­lang gut durch­ge­kom­men“, sagt sie, betont aber auch: „Coro­na ist immer noch da.“

Die ers­ten Hin­wei­se zu Schutz­maß­nah­men erreich­ten das Senio­ren­zen­trum Ende Febru­ar von Sei­ten des Krei­ses Lip­pe, der sich nach den Emp­feh­lun­gen des Robert-Koch-Insti­tuts rich­te­te. Die Ein­rich­tung muss­te von da an die Hygie­ne­maß­nah­men ver­stär­ken, heißt zum Bei­spiel ver­mehrt Des­in­fek­ti­ons­mit­tel ein­set­zen und die Besu­che von Ange­hö­ri­gen redu­zie­ren. „Bis Mit­te März kam dann alles Schlag auf Schlag“, berich­tet Han­na Gos­tom­ski. „Täg­lich galt es neue Ver­än­de­run­gen und Ein­schrän­kun­gen umzu­set­zen.“ Wäh­rend des Lock­downs gab es ein kom­plet­tes Betre­tungs­ver­bot für das Haus. Dadurch kamen auch die Bau­ar­bei­ten, die seit 2018 lau­fen, zum Erlie­gen. Denn die Arbei­ter durf­ten das Gebäu­de nicht betre­ten. „Mit dem Lock­down herrsch­te auf ein­mal Stil­le im Haus“, erin­nert sich die Lei­te­rin. „Das war merk­wür­dig.“

Besu­cher reagie­ren ver­ständ­nis­voll

Mitt­ler­wei­le konn­ten die Ein­schrän­kun­gen wie­der gelo­ckert wer­den. Strik­te Regeln gel­ten den­noch. Die Hän­de müs­sen am Ein­gang des­in­fi­ziert und ein Mund-Nasen-Schutz muss getra­gen wer­den. Bei jedem Besu­cher wird die Tem­pe­ra­tur gemes­sen, Name und Tele­fon­num­mer wer­den auf­ge­nom­men sowie Anga­ben zu Kon­tak­ten mit Infi­zier­ten, Urlau­ben in Risi­ko­ge­bie­ten und Sym­pto­men. Um die­se Maß­nah­men umset­zen zu kön­nen, sind Besuchs­zei­ten ein­ge­führt wor­den. Zudem muss sich jeder Besu­cher nicht nur an- son­dern auch abmel­den. Han­na Gos­tom­ski befür­wor­tet die Schutz­maß­nah­men, wohl­wis­send dass die­se sowohl für die Mit­ar­bei­ter als auch für die Bewoh­ner und Ange­hö­ri­gen Ein­schrän­kun­gen mit sich brin­gen. „Man muss das Gan­ze immer von zwei Sei­ten sehen. Natür­lich ist es eine Belas­tung. Aber wel­che Kon­se­quen­zen hät­te es, sich nicht an die Maß­nah­men zu hal­ten, und das für alle Bewoh­ner?“ Der Groß­teil der Besu­cher reagie­re ver­ständ­nis­voll und akzep­tie­re die gel­ten­den Regeln. Die Bewoh­ner über die Situa­ti­on auf­zu­klä­ren sei hin­ge­gen schwie­ri­ger, ins­be­son­de­re sol­che Bewoh­ner mit Demenz. Das kom­plet­te Besuchs­ver­bot hat nur eini­ge Woche gegol­ten, Bewoh­ner, die pal­lia­tiv gepflegt wur­den, konn­ten jeder­zeit Besuch emp­fan­gen.

„Wir haben Spa­zier­gän­ge gemacht bis zum Umfal­len”

Dass sich die Coro­na-Pan­de­mie nega­tiv auf die Psy­che der Bewoh­ner aus­wirkt, kann Han­na Gos­tom­ski – ent­ge­gen eini­ger Medi­en­be­rich­te – für die August­dor­fer Ein­rich­tung nicht bestä­ti­gen. „Sie kom­men gut damit klar.“ Das führt die Lei­te­rin auch auf die gute Betreu­ung zurück. „Die Besu­che von außen wur­den zwar ein­ge­schränkt, dafür haben wir die indi­vi­du­el­le Betreu­ung ver­drei­facht. Wir haben Spa­zier­gän­ge gemacht bis zum Umfal­len.“

Dass indi­vi­du­el­le Betreu­ung in dem Maße mög­lich war, lag dar­an, dass die Tages­pfle­ge vor­über­ge­hend geschlos­sen wur­de und so mehr Per­so­nal zur Ver­fü­gung stand. Die Tages­pfle­ge-Pati­en­ten muss­ten in der Zeit zu Hau­se blei­ben. Auf das Alter­na­tiv­an­ge­bot, Kurz­zeit­pfle­ge in Anspruch zu neh­men, kam kei­ner zurück. „Anschei­nend haben es die Ange­hö­ri­gen geschafft, eine Betreu­ung zu orga­ni­sie­ren.“ Seit Anfang Juni hat die Tages­pfle­ge – mit Ein­schrän­kun­gen – wie­der geöff­net.

Bis­lang gab es im Senio­ren­zen­trum in August­dorf kei­nen Coro­na-Fall. Doch die Angst, dass es dazu kom­men könn­te, ist täg­lich prä­sent. „Die Mit­ar­bei­ter machen sich kei­ne Sor­gen um sich, aber um die Bewoh­ner und dar­um, dass sie das Virus ein­schlep­pen könn­ten“, berich­tet Han­na Gos­tom­ski. Jeden Tag tra­gen die Mit­ar­bei­ter ein, wann sie kom­men und gehen und wie sie sich füh­len. Zudem ist das Per­so­nal dazu ver­pflich­tet, bei der Pfle­ge der Senio­ren immer einen Mund­schutz zu tra­gen – eine Her­aus­for­de­rung bei den hei­ßen Tem­pe­ra­tu­ren im Som­mer, berich­tet Han­na Gos­tom­ski.

Auf gemein­sa­mes Sin­gen muss ver­zich­tet wer­den

Die ins­ge­samt 49 Bewoh­ner des Senio­ren­zen­trums müs­sen kei­ne Mas­ken tra­gen. Um aus­rei­chend Abstand gewähr­leis­ten zu kön­nen, wer­den Grup­pen­ver­an­stal­tun­gen der­zeit jedoch klei­ner gehal­ten. Auf eine Lieb­lings­be­schäf­ti­gung müs­sen die Senio­ren lei­der ver­zich­ten: Sin­gen. Mit Sor­ge blickt Han­na Gos­tom­ski des­we­gen auf die Advents- und Weih­nachts­zeit. „Da dreht sich alles dar­um, zu sin­gen und in gemüt­li­cher Run­de zusam­men zu sit­zen.“

Gro­ße Eng­päs­se habe es bei Mund­schutz und Des­in­fek­ti­ons­mit­tel nicht gege­ben, Lie­fer­schwie­rig­kei­ten und „eine Zeit, in der wir leicht panisch wur­den“, aller­dings schon. „Mit­ar­bei­ter und Bür­ger haben Mas­ken genäht. Das war unse­re Ret­tung. So konn­ten wir die Zeit über­brü­cken“, sagt Han­na Gos­tom­ski. Vor Her­aus­for­de­run­gen wur­de und wird die Lei­te­rin durch die Pan­de­mie immer wie­der gestellt. Eini­ge Befürch­tun­gen bewahr­hei­te­ten sich nicht, mit ande­ren Pro­ble­men hin­ge­gen hat­te sie gar nicht gerech­net. „Ich dach­te, ich wer­de Schwie­rig­kei­ten mit dem Dienst­plan und Per­so­nal bekom­men, aber das pas­sier­te nicht. Die anfäng­li­che Angst, nicht genü­gend Mas­ken zu haben, zer­schlug sich eben­falls.“ Die größ­te Her­aus­for­de­rung war für sie, immer wie­der vor neue Situa­tio­nen und Emp­feh­lun­gen gestellt zu wer­den, sich ein­zu­le­sen, Mit­ar­bei­ter und Bewoh­ner zu infor­mie­ren. „Ich habe mit schlim­me­rem gerech­net“, sagt sie rück­bli­ckend. Zum All­tag zurück­zu­keh­ren, liegt für Han­na Gos­tom­ski jedoch noch in wei­ter Fer­ne. „Das ist erst dann mög­lich, wenn es eine Imp­fung gibt.“ (pe)

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„Im Februar war die Welt noch in Ordnung, einen Monat später stand sie Kopf“, erinnert sich Hanna Gostomski an die Anfänge der Corona-Pandemie zurück. Hinter der Leiterin des Seniorenzentrums Augustdorf liegen einige nervenaufreibende Monate voller Veränderungen und Einschränkungen, Ängste und Hoffnungen. „Wir sind bislang gut durchgekommen“, sagt sie, betont aber auch: „Corona ist immer noch da.“ Die ersten Hinweise zu Schutzmaßnahmen erreichten das Seniorenzentrum Ende Februar von Seiten des Kreises Lippe, der sich nach den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts richtete. Die Einrichtung musste von da an die Hygienemaßnahmen verstärken, heißt zum Beispiel vermehrt Desinfektionsmittel einsetzen und die Besuche von Angehörigen reduzieren. „Bis Mitte März kam dann alles Schlag auf Schlag“, berichtet Hanna Gostomski. „Täglich galt es neue Veränderungen und Einschränkungen umzusetzen.“ Während des Lockdowns gab es ein komplettes Betretungsverbot für das Haus. Dadurch kamen auch die Bauarbeiten, die seit 2018 laufen, zum Erliegen. Denn die Arbeiter durften das Gebäude nicht betreten. „Mit dem Lockdown herrschte auf einmal Stille im Haus“, erinnert sich die Leiterin. „Das war merkwürdig.“ Besucher reagieren verständnisvoll Mittlerweile konnten die Einschränkungen wieder gelockert werden. Strikte Regeln gelten dennoch. Die Hände müssen am Eingang desinfiziert und ein Mund-Nasen-Schutz muss getragen werden. Bei jedem Besucher wird die Temperatur gemessen, Name und Telefonnummer werden aufgenommen sowie Angaben zu Kontakten mit Infizierten, Urlauben in Risikogebieten und Symptomen. Um diese Maßnahmen umsetzen zu können, sind Besuchszeiten eingeführt worden. Zudem muss sich jeder Besucher nicht nur an- sondern auch abmelden. Hanna Gostomski befürwortet die Schutzmaßnahmen, wohlwissend dass diese sowohl für die Mitarbeiter als auch für die Bewohner und Angehörigen Einschränkungen mit sich bringen. „Man muss das Ganze immer von zwei Seiten sehen. Natürlich ist es eine Belastung. Aber welche Konsequenzen hätte es, sich nicht an die Maßnahmen zu halten, und das für alle Bewohner?“ Der Großteil der Besucher reagiere verständnisvoll und akzeptiere die geltenden Regeln. Die Bewohner über die Situation aufzuklären sei hingegen schwieriger, insbesondere solche Bewohner mit Demenz. Das komplette Besuchsverbot hat nur einige Woche gegolten, Bewohner, die palliativ gepflegt wurden, konnten jederzeit Besuch empfangen. "Wir haben Spaziergänge gemacht bis zum Umfallen" Dass sich die Corona-Pandemie negativ auf die Psyche der Bewohner auswirkt, kann Hanna Gostomski – entgegen einiger Medienberichte – für die Augustdorfer Einrichtung nicht bestätigen. „Sie kommen gut damit klar.“ Das führt die Leiterin auch auf die gute Betreuung zurück. „Die Besuche von außen wurden zwar eingeschränkt, dafür haben wir die individuelle Betreuung verdreifacht. Wir haben Spaziergänge gemacht bis zum Umfallen.“ Dass individuelle Betreuung in dem Maße möglich war, lag daran, dass die Tagespflege vorübergehend geschlossen wurde und so mehr Personal zur Verfügung stand. Die Tagespflege-Patienten mussten in der Zeit zu Hause bleiben. Auf das Alternativangebot, Kurzzeitpflege in Anspruch zu nehmen, kam keiner zurück. „Anscheinend haben es die Angehörigen geschafft, eine Betreuung zu organisieren.“ Seit Anfang Juni hat die Tagespflege – mit Einschränkungen – wieder geöffnet. Bislang gab es im Seniorenzentrum in Augustdorf keinen Corona-Fall. Doch die Angst, dass es dazu kommen könnte, ist täglich präsent. „Die Mitarbeiter machen sich keine Sorgen um sich, aber um die Bewohner und darum, dass sie das Virus einschleppen könnten“, berichtet Hanna Gostomski. Jeden Tag tragen die Mitarbeiter ein, wann sie kommen und gehen und wie sie sich fühlen. Zudem ist das Personal dazu verpflichtet, bei der Pflege der Senioren immer einen Mundschutz zu tragen – eine Herausforderung bei den heißen Temperaturen im Sommer, berichtet Hanna Gostomski. Auf gemeinsames Singen muss verzichtet werden Die insgesamt 49 Bewohner des Seniorenzentrums müssen keine Masken tragen. Um ausreichend Abstand gewährleisten zu können, werden Gruppenveranstaltungen derzeit jedoch kleiner gehalten. Auf eine Lieblingsbeschäftigung müssen die Senioren leider verzichten: Singen. Mit Sorge blickt Hanna Gostomski deswegen auf die Advents- und Weihnachtszeit. „Da dreht sich alles darum, zu singen und in gemütlicher Runde zusammen zu sitzen.“ Große Engpässe habe es bei Mundschutz und Desinfektionsmittel nicht gegeben, Lieferschwierigkeiten und „eine Zeit, in der wir leicht panisch wurden“, allerdings schon. „Mitarbeiter und Bürger haben Masken genäht. Das war unsere Rettung. So konnten wir die Zeit überbrücken“, sagt Hanna Gostomski. Vor Herausforderungen wurde und wird die Leiterin durch die Pandemie immer wieder gestellt. Einige Befürchtungen bewahrheiteten sich nicht, mit anderen Problemen hingegen hatte sie gar nicht gerechnet. „Ich dachte, ich werde Schwierigkeiten mit dem Dienstplan und Personal bekommen, aber das passierte nicht. Die anfängliche Angst, nicht genügend Masken zu haben, zerschlug sich ebenfalls.“ Die größte Herausforderung war für sie, immer wieder vor neue Situationen und Empfehlungen gestellt zu werden, sich einzulesen, Mitarbeiter und Bewohner zu informieren. „Ich habe mit schlimmerem gerechnet“, sagt sie rückblickend. Zum Alltag zurückzukehren, liegt für Hanna Gostomski jedoch noch in weiter Ferne. „Das ist erst dann möglich, wenn es eine Impfung gibt.“ (pe)

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