Exklusivinterview: Oberstleutnant Matthias G. im Einsatz in Afghanistan

Lese­zeit: unge­fähr 6 Minu­ten

Oberst­leut­nant Mat­thi­as G. befin­det sich im Augen­blick im Ein­satz in Afgha­ni­stan. Die AUGUSTDORFER NACHRICHTEN haben mit ihm exklu­siv ein Inter­view geführt.

 

AUGUSTDORFER NACHRICHTEN: Seit wann genau sind Sie in Afgha­ni­stan?

Mat­thi­as G.: Nach einer 14-tägi­gen iso­lier­ten Unter­brin­gung in Deutsch­land, bin ich seit dem 09.12.20 im Ein­satz­land. Die ers­ten Kräf­te des Batail­lons waren bereits eine Woche zuvor hier.

Oberst­leut­nant Mat­thi­as G. bnei einer Plan­übung sei­nes Ver­ban­des: Fotos: Bun­des­wehr

AN: Wie vie­le Sol­da­ten aus August­dorf sind mit dabei?

Mat­thi­as G.: Mitt­ler­wei­le sind ca. 250 Sol­da­ten aus der Pan­zer­bri­ga­de 21 vor Ort, davon die über­wie­gen­de Mas­se aus dem Pan­zer­gre­na­dier­ba­tail­lon 212. Das heißt aber auch, dass wei­ter­hin vie­le Sol­da­ten im Hei­mat­stand­ort Dienst leis­ten und dort z.B. aktiv in der Bewäl­ti­gung der CORO­NA-Kri­se regio­nal und über­re­gio­nal ein­ge­bun­den sind.

AN: Wie haben Sie die ers­ten Tage/Wochen erlebt?

Mat­thi­as G.: Da es mein ins­ge­samt drit­ter Ein­satz in AFG ist waren vie­le Umstän­de und Rah­men­be­din­gun­gen bekannt. Zudem hat der tele­fo­ni­sche Aus­tausch mit unse­ren Vor­gän­gern und auch den ers­ten eige­nen Sol­da­ten, dem Vor­kom­man­do, gehol­fen, die Erwar­tun­gen an die ers­ten Tage anzu­pas­sen. Den­noch kamen vie­le Ein­drü­cke zusam­men und vie­le Infor­ma­tio­nen, die man am Abend ver­ar­bei­ten muss­te, um schnell die Ver­ant­wort­lich­kei­ten und Zustän­dig­kei­ten, Ver­fah­ren aber vor allem die han­deln­den Per­so­nen ken­nen­zu­ler­nen. Nach gut einer Woche ist man „drin­nen“.

AN: Was waren Ihre nach­hal­ti­gen Ein­drü­cke bis­her?

Drei Sol­da­ten des Ver­ban­des an einem afgha­ni­schen Kon­troll­pos­ten.

Mat­thi­as G.: Ich war von der Fle­xi­bi­li­tät der Sol­da­tin­nen und Sol­da­ten mei­nes Ver­ban­des gera­de im Zuge der Über­nah­me beein­druckt – nach der anstren­gen­den und zeit­lich for­dern­den Vor­aus­bil­dung in Deutsch­land haben sich alle sofort auf die hie­si­gen Rah­men­be­din­gun­gen ein­ge­stellt. Auf­grund der zum Zeit­punkt des Ein­satz­be­ginns offe­nen Ent­schei­dung, wie der Ein­satz wei­ter­ge­führt, ange­passt oder been­det wird, war viel Even­tu­al­fall­pla­nung nötig. Wir muss­ten auf alle Optio­nen vor­be­rei­tet sein, um nach einer poli­ti­schen Ent­schei­dung, die­se auch ohne gro­ßen Zeit­ver­zug umset­zen zu kön­nen.

AN: Gab es Kon­tak­te zu der ein­hei­mi­schen Bevöl­ke­rung?

Mat­thi­as G.: Ja, die gibt es täg­lich – natür­lich immer unter Beach­tung der COVID-Schutz­maß­nah­men! CORONA ist natür­lich auch hier eine nicht sicht­ba­re Gefahr, auf die man ein­ge­stellt sein muss. Der Kon­takt ergibt sich v.a. durch Patrouil­len­tä­tig­kei­ten zur Siche­rung und Gesprä­che aus dem Kern­auf­trag der Mis­si­on, dem Train, Adiv­se and Assist (TAA) unse­rer mili­tä­ri­schen Bera­ter.
Der Kon­takt ist wich­tig für uns, um die Stim­mung auf­zu­neh­men und auch Infor­ma­tio­nen über die all­ge­mei­ne oder spe­zi­fi­sche Lage im Raum zu erhal­ten. Uns gegen­über ist das Ver­hal­ten bis­her grund­sätz­lich freund­lich und koope­ra­tiv, die Men­schen beschrei­ben offen und bereit­wil­lig, wie es ihnen geht, wel­che Gefahr sie emp­fin­den und was ihre For­de­run­gen sind. Ins­ge­samt wird immer wie­der gedankt, dass wir hier sind und ihnen in die­ser schwie­ri­gen Pha­se hel­fen.

AN: Wie sieht der „nor­ma­le“ Tages­ab­lauf von Ihnen /den Sol­da­ten aus?

Unter­wegs in den Wei­ten des Lan­des.

Mat­thi­as G.: Die Tages­ab­läu­fe unter­schei­den sich sehr und rei­chen von acht­stün­di­gen Schicht­diens­ten, Büro­zei­ten von 8–20 Uhr oder Siche­rungs­auf­ga­ben bis hin zu Patrouil­len­tä­tig­kei­ten in der Nacht.
Mein Tag beginnt um 07:00 Uhr mit den ers­ten Updatebrie­fings zur Lage sowie den Vor­ha­ben des Tages und endet meist deut­lich nach 20 Uhr. Dann gilt es, die über den Tag gewon­ne­nen Infor­ma­tio­nen gezielt zu ver­tei­len, Auf­ga­ben an den Stab/die Kom­pa­nien zu geben und vor­ge­leg­te Produkte/Projekte zu kon­trol­lie­ren. Immer wie­der kom­men auch unvor­her­seh­ba­re Aspek­te kurz­fris­tig auf die Tages­ord­nung, für die man sich dann Zeit neh­men muss. Wenn dann noch Zeit übrig­bleibt, run­den natür­lich der Sport und ein Zusam­men­sit­zen mit den Kame­ra­din­nen und Kame­ra­den den Tag ab. Wo immer mög­lich hal­te ich enge Ver­bin­dung mit mei­nem Stell­ver­tre­ter in Deutsch­land, um über die all­ge­mei­ne Lage im Ver­band infor­miert zu sein. Das Leben geht ja nicht nur hier im Ein­satz, son­dern auch beim Team Hei­mat wei­ter. Ins­ge­samt sind es für mich vie­le Schreib­tisch­tä­tig­kei­ten und Pla­nungs­be­spre­chun­gen über den Tag ver­teilt – zumeist im mul­ti­na­tio­na­len Umfeld. Wo immer mög­lich, ver­su­che ich auch Patrouil­len oder TAA-Akti­vi­tä­ten zu beglei­ten, um die Anfor­de­run­gen an die Sol­da­tin­nen und Sol­da­ten aus eige­nem Erle­ben her­aus bes­ser ein­schät­zen zu kön­nen. Außer­dem gibt es wich­ti­ge Auf­schlüs­se zu dem, was man anweist und den Sol­da­ten als Auf­trag gibt. Die Frau­en und Män­ner mei­nes Ver­ban­des haben je nach Auf­ga­be ver­gleich­ba­re Zei­ten. Die Patrouil­len­tä­tig­kei­ten kön­nen sich oft­mals auch auf deut­lich mehr als fünf bis sechs Stun­den erstre­cken – dies benö­tigt natür­lich auch eine ent­spre­chen­de Vor- und Nach­be­rei­tung, damit sowohl das Per­so­nal als auch das Mate­ri­al den gesam­ten Ein­satz gut über­steht. Denn: Der Ein­satz ist kein Sprint – es ist eher ein Mara­thon, die Kräf­te müs­sen ein­ge­teilt wer­den!

AN: Was ver­mis­sen Sie am meis­ten aus Ihrer Hei­mat?

Mat­thi­as G.: Natür­lich ver­mis­se ich mei­ne Fami­lie am meis­ten – auch wenn wir den Kon­takt fast täg­lich hal­ten kön­nen. Über den Kom­fort hier im Lager kann ich nicht kla­gen; man hat sich über die vie­len Jah­re hier gut eta­bliert und auch unter den CORO­NA-Bedin­gun­gen ver­sucht, das Bes­te dar­aus zu machen – bei aller Vor­sicht!
Aus der Hei­mat ver­mis­se ich am meis­ten Flo­ra und Fau­na – der Sand und die kli­ma­ti­schen Bedin­gun­gen – vor allem die, die jetzt mit dem Früh­jahr und Som­mer noch kom­men – unter­schei­den sich schon deut­lich von den hei­mi­schen Gefil­den. Ein saf­ti­ges Grün, eine Wie­se oder einen Laub­wald, sucht man hier in der Regi­on oft­mals ver­ge­bens.

AN: Wie häu­fig kön­nen die Sol­da­ten Kon­takt zur Fami­lie haben?

Kin­der als stän­di­ge Beglei­tung der Patrouil­len.

Mat­thi­as G.: Aus mei­ner Sicht ist die Ver­bin­dung fast täg­lich über ver­schie­de­ne Medi­en mög­lich. Die tech­ni­schen Vor­aus­set­zun­gen sind mit einer sta­bi­len WLAN-Abde­ckung grund­sätz­lich gut und wer­den, soweit ich das beur­tei­len kann, auch inten­siv genutzt. Natür­lich kön­nen sie aus Schutz­grün­den nicht über alle The­men detail­liert spre­chen oder sagen, was sie z.B. mor­gen kon­kret machen. Ich stel­le aber auch fest, dass eini­ge zum alt­be­währ­ten Brief oder der Kar­te zurück­keh­ren. Natür­lich ist auch die Post­lie­fe­rung immer wie­der ein beson­de­res High­light.

AN: Füh­len Sie sich gut aus­ge­rüs­tet?

Mat­thi­as G.: Ja, sowohl die Indi­vi­du­al­aus­rüs­tung des Sol­da­ten als auch die mit­un­ter mul­ti­na­tio­na­le Zusam­men­set­zung von Fähig­kei­ten sind als gut zu bewer­ten. Jetzt kommt es dar­auf an, die Ablei­tun­gen aus der zu erwar­ten­den poli­ti­schen Ent­schei­dung über die Zukunft der Mis­si­on zu zie­hen.

AN: Wie sieht die aktu­el­le Bedro­hungs­la­ge bei Ihnen aus?

Mat­thi­as G.: Grund­sätz­lich befin­den wir uns in einem Bür­ger­kriegs­ge­biet – die­ses Bewusst­sein muss jeder, ob er bzw. sie vor­ran­gig im Lager oder außer­halb des Lagers ein­ge­setzt ist, haben! U.a. auch auf­grund des noch gül­ti­gen USA-Tali­ban Abkom­mens sind Kräf­te der NATO-geführ­ten Reso­lu­te Sup­port Mis­si­on kein vor­ran­gi­ges Ziel für von Angrif­fen. Dies kann sich aber zukünf­tig ändern. Um auf die­se mög­li­che erhöh­te Gefahr ein­ge­stellt zu sein, müs­sen wir uns auch dar­auf vor­be­rei­ten. Die Gefahr geht vor allem vom Beschuss der Patrouil­len oder unse­res Lagers aus. Auch die Gefahr durch Spreng­fal­len oder Innen­tä­ter ist eine laten­te Gefahr – sol­chen Bedro­hun­gen wir­kungs­voll ent­ge­gen­zu­tre­ten, wird auch bei Trai­nings­vor­ha­ben immer wie­der geübt!

AN: Gab es seit Ihrem Ankom­men offen­sicht­lich gefähr­li­che Situa­tio­nen?

Mat­thi­as G.: Jeder mag „gefähr­lich“ etwas unter­schied­lich emp­fin­den – aber nein, das gab es hier in unse­rer Zeit noch nicht.

AN: Wie gestal­tet sich die Zusam­men­ar­beit mit den ande­ren Natio­nen und ande­ren Trup­pen­tei­len?

Mat­thi­as G.: In mei­nem mul­ti­na­tio­na­len For­ce Pro­tec­tion Batail­lon sind nahe­zu 1000 Sol­da­ten aus fast einem Dut­zend Natio­nen – es gibt also eine umfang­rei­che Form der täg­li­chen Zusam­men­ar­beit. Die Arbeits­spra­che ist daher vor­ran­gig Eng­lisch. Auf­grund der Grö­ße des Ver­ban­des haben wir fast alle Fähig­kei­ten – u.a. Schutz­kräf­te aus Deutsch­land, der Mon­go­lei, den Nie­der­lan­den, Bel­gi­en und Geor­gi­en, Sani­tät, Feld­jä­ger, Logis­tik – im eige­nen Bereich. Von daher ist die Zusam­men­ar­beit gut eta­bliert und mitt­ler­wei­le rou­ti­niert. Hier gilt, sich bspw. über die letz­ten Patrouil­len­tä­tig­kei­ten in einem Gebiet aus­zu­tau­schen, über die Befahr­bar­keit von Stra­ßen vor allem bei Wet­ter­um­schwün­gen zu infor­mie­ren oder auch mit dem Ver­band, wel­cher die Hub­schrau­ber hier in Afgha­ni­stan stellt, eine Aus­bil­dung abzu­stim­men.

AN: Wann ist es geplant, dass Sie nach Hau­se kom­men? Was wer­den Sie dann als ers­tes machen?

Mat­thi­as G.: Je nach poli­ti­scher Ent­schei­dung stel­len wir uns auf einen Ein­satz bis Mit­te Juni ein, um dann an unse­re Nach­fol­ger zu über­ge­ben. Da die Tem­pe­ra­tu­ren in ver­mut­lich kur­zer Zeit deut­lich über 40 Grad lie­gen wer­den, freue ich mich auf ein Bad im Pool mit anschlie­ßen­dem Gril­len, bar­fuß über Gras zu gehen, einem Nicker­chen in der Hän­ge­mat­te und am aller­meis­ten – natür­lich – auf das Wie­der­se­hen mit mei­ner Fami­lie!

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Oberstleutnant Matthias G. befindet sich im Augenblick im Einsatz in Afghanistan. Die AUGUSTDORFER NACHRICHTEN haben mit ihm exklusiv ein Interview geführt.   AUGUSTDORFER NACHRICHTEN: Seit wann genau sind Sie in Afghanistan? Matthias G.: Nach einer 14-tägigen isolierten Unterbringung in Deutschland, bin ich seit dem 09.12.20 im Einsatzland. Die ersten Kräfte des Bataillons waren bereits eine Woche zuvor hier. [caption id="attachment_13204" align="alignright" width="300"] Oberstleutnant Matthias G. bnei einer Planübung seines Verbandes: Fotos: Bundeswehr[/caption] AN: Wie viele Soldaten aus Augustdorf sind mit dabei? Matthias G.: Mittlerweile sind ca. 250 Soldaten aus der Panzerbrigade 21 vor Ort, davon die überwiegende Masse aus dem Panzergrenadierbataillon 212. Das heißt aber auch, dass weiterhin viele Soldaten im Heimatstandort Dienst leisten und dort z.B. aktiv in der Bewältigung der CORONA-Krise regional und überregional eingebunden sind. AN: Wie haben Sie die ersten Tage/Wochen erlebt? Matthias G.: Da es mein insgesamt dritter Einsatz in AFG ist waren viele Umstände und Rahmenbedingungen bekannt. Zudem hat der telefonische Austausch mit unseren Vorgängern und auch den ersten eigenen Soldaten, dem Vorkommando, geholfen, die Erwartungen an die ersten Tage anzupassen. Dennoch kamen viele Eindrücke zusammen und viele Informationen, die man am Abend verarbeiten musste, um schnell die Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten, Verfahren aber vor allem die handelnden Personen kennenzulernen. Nach gut einer Woche ist man „drinnen“. AN: Was waren Ihre nachhaltigen Eindrücke bisher? [caption id="attachment_13206" align="alignleft" width="300"] Drei Soldaten des Verbandes an einem afghanischen Kontrollposten.[/caption] Matthias G.: Ich war von der Flexibilität der Soldatinnen und Soldaten meines Verbandes gerade im Zuge der Übernahme beeindruckt – nach der anstrengenden und zeitlich fordernden Vorausbildung in Deutschland haben sich alle sofort auf die hiesigen Rahmenbedingungen eingestellt. Aufgrund der zum Zeitpunkt des Einsatzbeginns offenen Entscheidung, wie der Einsatz weitergeführt, angepasst oder beendet wird, war viel Eventualfallplanung nötig. Wir mussten auf alle Optionen vorbereitet sein, um nach einer politischen Entscheidung, diese auch ohne großen Zeitverzug umsetzen zu können. AN: Gab es Kontakte zu der einheimischen Bevölkerung? Matthias G.: Ja, die gibt es täglich – natürlich immer unter Beachtung der COVID-Schutzmaßnahmen! CORONA ist natürlich auch hier eine nicht sichtbare Gefahr, auf die man eingestellt sein muss. Der Kontakt ergibt sich v.a. durch Patrouillentätigkeiten zur Sicherung und Gespräche aus dem Kernauftrag der Mission, dem Train, Adivse and Assist (TAA) unserer militärischen Berater. Der Kontakt ist wichtig für uns, um die Stimmung aufzunehmen und auch Informationen über die allgemeine oder spezifische Lage im Raum zu erhalten. Uns gegenüber ist das Verhalten bisher grundsätzlich freundlich und kooperativ, die Menschen beschreiben offen und bereitwillig, wie es ihnen geht, welche Gefahr sie empfinden und was ihre Forderungen sind. Insgesamt wird immer wieder gedankt, dass wir hier sind und ihnen in dieser schwierigen Phase helfen. AN: Wie sieht der „normale“ Tagesablauf von Ihnen /den Soldaten aus? [caption id="attachment_13207" align="alignleft" width="225"] Unterwegs in den Weiten des Landes.[/caption] Matthias G.: Die Tagesabläufe unterscheiden sich sehr und reichen von achtstündigen Schichtdiensten, Bürozeiten von 8-20 Uhr oder Sicherungsaufgaben bis hin zu Patrouillentätigkeiten in der Nacht. Mein Tag beginnt um 07:00 Uhr mit den ersten Updatebriefings zur Lage sowie den Vorhaben des Tages und endet meist deutlich nach 20 Uhr. Dann gilt es, die über den Tag gewonnenen Informationen gezielt zu verteilen, Aufgaben an den Stab/die Kompanien zu geben und vorgelegte Produkte/Projekte zu kontrollieren. Immer wieder kommen auch unvorhersehbare Aspekte kurzfristig auf die Tagesordnung, für die man sich dann Zeit nehmen muss. Wenn dann noch Zeit übrigbleibt, runden natürlich der Sport und ein Zusammensitzen mit den Kameradinnen und Kameraden den Tag ab. Wo immer möglich halte ich enge Verbindung mit meinem Stellvertreter in Deutschland, um über die allgemeine Lage im Verband informiert zu sein. Das Leben geht ja nicht nur hier im Einsatz, sondern auch beim Team Heimat weiter. Insgesamt sind es für mich viele Schreibtischtätigkeiten und Planungsbesprechungen über den Tag verteilt – zumeist im multinationalen Umfeld. Wo immer möglich, versuche ich auch Patrouillen oder TAA-Aktivitäten zu begleiten, um die Anforderungen an die Soldatinnen und Soldaten aus eigenem Erleben heraus besser einschätzen zu können. Außerdem gibt es wichtige Aufschlüsse zu dem, was man anweist und den Soldaten als Auftrag gibt. Die Frauen und Männer meines Verbandes haben je nach Aufgabe vergleichbare Zeiten. Die Patrouillentätigkeiten können sich oftmals auch auf deutlich mehr als fünf bis sechs Stunden erstrecken – dies benötigt natürlich auch eine entsprechende Vor- und Nachbereitung, damit sowohl das Personal als auch das Material den gesamten Einsatz gut übersteht. Denn: Der Einsatz ist kein Sprint – es ist eher ein Marathon, die Kräfte müssen eingeteilt werden! AN: Was vermissen Sie am meisten aus Ihrer Heimat? Matthias G.: Natürlich vermisse ich meine Familie am meisten – auch wenn wir den Kontakt fast täglich halten können. Über den Komfort hier im Lager kann ich nicht klagen; man hat sich über die vielen Jahre hier gut etabliert und auch unter den CORONA-Bedingungen versucht, das Beste daraus zu machen – bei aller Vorsicht! Aus der Heimat vermisse ich am meisten Flora und Fauna – der Sand und die klimatischen Bedingungen – vor allem die, die jetzt mit dem Frühjahr und Sommer noch kommen – unterscheiden sich schon deutlich von den heimischen Gefilden. Ein saftiges Grün, eine Wiese oder einen Laubwald, sucht man hier in der Region oftmals vergebens. AN: Wie häufig können die Soldaten Kontakt zur Familie haben? [caption id="attachment_13208" align="alignright" width="300"] Kinder als ständige Begleitung der Patrouillen.[/caption] Matthias G.: Aus meiner Sicht ist die Verbindung fast täglich über verschiedene Medien möglich. Die technischen Voraussetzungen sind mit einer stabilen WLAN-Abdeckung grundsätzlich gut und werden, soweit ich das beurteilen kann, auch intensiv genutzt. Natürlich können sie aus Schutzgründen nicht über alle Themen detailliert sprechen oder sagen, was sie z.B. morgen konkret machen. Ich stelle aber auch fest, dass einige zum altbewährten Brief oder der Karte zurückkehren. Natürlich ist auch die Postlieferung immer wieder ein besonderes Highlight. AN: Fühlen Sie sich gut ausgerüstet? Matthias G.: Ja, sowohl die Individualausrüstung des Soldaten als auch die mitunter multinationale Zusammensetzung von Fähigkeiten sind als gut zu bewerten. Jetzt kommt es darauf an, die Ableitungen aus der zu erwartenden politischen Entscheidung über die Zukunft der Mission zu ziehen. AN: Wie sieht die aktuelle Bedrohungslage bei Ihnen aus? Matthias G.: Grundsätzlich befinden wir uns in einem Bürgerkriegsgebiet – dieses Bewusstsein muss jeder, ob er bzw. sie vorrangig im Lager oder außerhalb des Lagers eingesetzt ist, haben! U.a. auch aufgrund des noch gültigen USA-Taliban Abkommens sind Kräfte der NATO-geführten Resolute Support Mission kein vorrangiges Ziel für von Angriffen. Dies kann sich aber zukünftig ändern. Um auf diese mögliche erhöhte Gefahr eingestellt zu sein, müssen wir uns auch darauf vorbereiten. Die Gefahr geht vor allem vom Beschuss der Patrouillen oder unseres Lagers aus. Auch die Gefahr durch Sprengfallen oder Innentäter ist eine latente Gefahr – solchen Bedrohungen wirkungsvoll entgegenzutreten, wird auch bei Trainingsvorhaben immer wieder geübt! AN: Gab es seit Ihrem Ankommen offensichtlich gefährliche Situationen? Matthias G.: Jeder mag „gefährlich“ etwas unterschiedlich empfinden – aber nein, das gab es hier in unserer Zeit noch nicht. AN: Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den anderen Nationen und anderen Truppenteilen? Matthias G.: In meinem multinationalen Force Protection Bataillon sind nahezu 1000 Soldaten aus fast einem Dutzend Nationen – es gibt also eine umfangreiche Form der täglichen Zusammenarbeit. Die Arbeitssprache ist daher vorrangig Englisch. Aufgrund der Größe des Verbandes haben wir fast alle Fähigkeiten – u.a. Schutzkräfte aus Deutschland, der Mongolei, den Niederlanden, Belgien und Georgien, Sanität, Feldjäger, Logistik – im eigenen Bereich. Von daher ist die Zusammenarbeit gut etabliert und mittlerweile routiniert. Hier gilt, sich bspw. über die letzten Patrouillentätigkeiten in einem Gebiet auszutauschen, über die Befahrbarkeit von Straßen vor allem bei Wetterumschwüngen zu informieren oder auch mit dem Verband, welcher die Hubschrauber hier in Afghanistan stellt, eine Ausbildung abzustimmen. AN: Wann ist es geplant, dass Sie nach Hause kommen? Was werden Sie dann als erstes machen? Matthias G.: Je nach politischer Entscheidung stellen wir uns auf einen Einsatz bis Mitte Juni ein, um dann an unsere Nachfolger zu übergeben. Da die Temperaturen in vermutlich kurzer Zeit deutlich über 40 Grad liegen werden, freue ich mich auf ein Bad im Pool mit anschließendem Grillen, barfuß über Gras zu gehen, einem Nickerchen in der Hängematte und am allermeisten – natürlich – auf das Wiedersehen mit meiner Familie!

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