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Rund 70 Sprach­wis­sen­schaft­ler und Phi­lo­lo­gen haben einen Auf­ruf unter­zeich­net, der die Nut­zung der „gen­der­ge­rech­ten Spra­che“ in öffent­lich-recht­li­chen Sen­dern scharf kri­ti­siert. Aus­gangs­punkt die­ser Sprach­pra­xis ist die Bewer­tung des gene­ri­schen Mas­ku­li­nums als dis­kri­mi­nie­ren­de Sprach­form. Dies wird von den Sprach­wis­sen­schaft­lern zurück­ge­wie­sen. Sie for­dern eine „kri­ti­sche Neu­be­wer­tung des Sprach­ge­brauchs im ÖRR auf sprach­wis­sen­schaft­li­cher Grund­la­ge“.

Unter den Unter­zeich­nern befin­den sich Mit­glie­der des Rates für deut­sche Recht­schrei­bung, der Gesell­schaft für deut­sche Spra­che und des PEN-Zen­trums sowie etli­che renom­mier­te Sprach­wis­sen­schaft­ler. Initi­iert wur­de der Auf­ruf von dem Ger­ma­nis­ten, Musi­ker und Buch­au­tor Fabi­an Payr („Von Men­schen und Mensch*innen“ — Sprin­ger 2021).

Die Sprach­ver­wen­dung des ÖRR sei, so die Exper­ten, „Vor­bild und Maß­stab für Mil­lio­nen von Zuschau­ern, Zuhö­rern und Lesern“. Dar­aus erwach­se für die Sen­der die Ver­pflich­tung, sich in Tex­ten und For­mu­lie­run­gen an gel­ten­den Sprach­nor­men zu ori­en­tie­ren und mit dem Kul­tur­gut Spra­che „regel­kon­form, ver­ant­wor­tungs­be­wusst und ideo­lo­gie­frei“ umzu­ge­hen. Im Auf­ruf wird dar­auf hin­ge­wie­sen, dass mehr als drei Vier­tel der Medi­en­kon­su­men­ten Umfra­gen zufol­ge den eta­blier­ten Sprach­ge­brauch bevor­zug­ten – der ÖRR dür­fe den Wunsch der Mehr­heit nicht igno­rie­ren.

Die im Auf­ruf for­mu­lier­te Kri­tik an der Gen­der­pra­xis des ÖRR erfolgt aus sprach­wis­sen­schaft­li­cher Per­spek­ti­ve: Das Kon­zept der gen­der­ge­rech­ten Spra­che basie­re auf der Ver­men­gung der Kate­go­rien Genus und Sexus. Gram­ma­ti­sches Geschlecht und natür­li­ches Geschlecht sind jedoch, wie die Wis­sen­schaft­ler beto­nen, nicht grund­sätz­lich gekop­pelt. Sprach­his­to­ri­sche Unter­su­chun­gen beleg­ten fer­ner, dass das gene­ri­sche Mas­ku­li­num kei­nes­wegs erst in jün­ge­rer Zeit Ver­wen­dung fand, son­dern seit Jahr­hun­der­ten fes­ter Bestand­teil der deut­schen Spra­che ist.

Die Sprach­wis­sen­schaft­ler und Phi­lo­lo­gen kri­ti­sie­ren fer­ner, dass an Stel­le von sprach­sys­te­ma­ti­schen und sprach­lo­gi­schen Betrach­tungs­wei­sen zuneh­mend psy­cho­lingu­is­ti­sche Stu­di­en her­an­ge­zo­gen wer­den, um Ver­än­de­run­gen des Sprach­ge­brauchs zu legi­ti­mie­ren. Die­se umstrit­te­nen Stu­di­en lie­fer­ten aber kei­nen belast­ba­ren Beleg dafür, dass gene­ri­sche Mas­ku­li­na men­tal vor­ran­gig „Bil­der von Män­nern“ erzeu­gen. Eines der zen­tra­len Argu­men­te für das Gen­dern sei mit­hin hin­fäl­lig. 

Die Wis­sen­schaft­ler äußern im Auf­ruf ihre Sor­ge, dass Gen­dern zu einer aus­ge­präg­ten „Sexua­li­sie­rung der Spra­che“, also zu einer per­ma­nen­ten „Beto­nung von Geschlech­ter­dif­fe­ren­zen“ füh­re. Dadurch wer­de das wich­ti­ge Ziel der Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit kon­ter­ka­riert. Im Hin­blick auf das ange­streb­te Ziel – Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit – sei Gen­dern also dys­funk­tio­nal.

Kri­ti­siert wird fer­ner, dass der ÖRR gel­ten­de Recht­schreib­nor­men miss­ach­te: Der Rat für Deut­sche Recht­schrei­bung hat­te im März 2021 expli­zit dar­auf hin­ge­wie­sen, dass Gen­der-Son­der­zei­chen wie Gen­der­stern, Dop­pel­punkt oder Unter­strich nicht dem amt­li­chen Regel­werk ent­spre­chen, da die­se For­men Ver­ständ­lich­keit sowie Ein­deu­tig­keit und Rechts­si­cher­heit von Begrif­fen und Tex­ten beein­träch­ti­gen. Die­se Miss­ach­tung der gül­ti­gen amt­li­chen Recht­schreib­re­geln sei „nicht mit dem im Medi­en­staats­ver­trag for­mu­lier­ten Bil­dungs­auf­trag der Sen­der ver­ein­bar“.

Außer­dem, so die Wis­sen­schaft­ler, sor­ge die viel­fach mit mora­li­sie­ren­dem Ges­tus ver­bun­de­ne Ver­brei­tung der Gen­der­spra­che durch die Medi­en für „erheb­li­chen sozia­len Unfrie­den“ und leis­te gefähr­li­chen Par­ti­ku­la­ri­sie­rungs- und Pola­ri­sie­rungs­ten­den­zen in der Gesell­schaft Vor­schub.

Der for­cier­te Gebrauch gegen­der­ter For­men befin­de sich nicht im Ein­klang mit dem Prin­zip der poli­ti­schen Neu­tra­li­tät, zu der alle Sen­der gemäß Medi­en­staats­ver­trag ver­pflich­tet sei­en. So stam­me das Pro­jekt der “gen­der­ge­rech­ten Spra­che” ursprüng­lich aus der femi­nis­ti­schen Lin­gu­is­tik und wer­de heut­zu­ta­ge vor­ran­gig von iden­ti­täts­po­li­tisch ori­en­tier­ten uni­ver­si­tä­ren Grup­pie­run­gen rund um die Social-Jus­ti­ce-Stu­dies vor­an­ge­trie­ben. Zu einer sol­chen „ideo­lo­gisch begrün­de­ten Sprach­form“ müs­se der ÖRR kri­ti­sche Distanz wah­ren.

Auch die Bericht­erstat­tung des ÖRR über den The­men­be­reich Gen­der­spra­che wird kri­ti­siert: Sie sei „viel­fach ten­den­zi­ös“ und die­ne im Wesent­li­chen der Legi­ti­ma­ti­on der eige­nen Gen­der­pra­xis. In den Medi­en des ÖRR über­wie­ge eine posi­ti­ve Dar­stel­lung des Gen­derns. Kri­ti­ker wür­den nicht sel­ten als reak­tio­när, unfle­xi­bel und frau­en­feind­lich geschil­dert.

Dem Auf­ruf ist eine umfang­rei­che Lite­ra­tur­lis­te bei­gefügt, eine Auf­lis­tung aktu­el­ler Mei­nungs­um­fra­gen zum Gen­dern sowie Links zu ÖRR-Sen­dun­gen zur The­ma­tik.

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